Dauerschmerz:
Chronifizierungsfaktor Therapeut und Gesundheitswesen
(Berlin)
Ärzte und Psychologen können - ohne es zu wollen
- bei Schmerzen die Chronifizierung verstärken: Fehler
in der Diagnostik haben Fehler in der Therapie zur Folge.
Experten kritisieren auf dem Deutschen Schmerzkongress auch
Defizite in der Kommunikation zwischen Therapeuten und Patienten,
die Leiden verstärken anstatt sie zu lindern.
"Wahrscheinlich
ist die Dunkelziffer indirekter arztbedingter Schäden
in der Schmerztherapie wesentlich höher als vielfach
angenommen wird, auch wenn sich dies durch Studien nicht
belegen lässt", erklärt Priv. Doz. Dr. Michael
Strumpf von der Klinik für Anaesthesiologie der Universität
Bochum. Die klinische Erfahrung zeige jedoch, dass eine
unzureichende Befunderhebung (Anamnese) ohne Berücksichtigung
psychologischer Aspekte und eine lückenhafte Diagnostik
nur durch eine medizinische Disziplin häufig zu einer
falschen Therapie führen. "Werden bestehende Therapiekonzepte
nicht eingehalten und bleiben aktuelle Leitlinien unberücksichtigt,
verstärkt der behandelnde Schmerztherapeut die Chronifizierung
seiner Patienten", betont Strumpf. Unter diesen Gesichtspunkten
sei die grundsätzliche Gefährdung der Patienten
durch die diagnostische und daraus abgeleitete therapeutische
Herangehensweise des einzelnen Arztes oder Psychotherapeuten
möglicherweise größer als durch Medikamente
oder invasive Verfahren.
Dass
in der Tat - neben körperlichen und seelischen Faktoren
der Patienten - auch die Bedingungen des Gesundheitssystems
sowie das ärztliche Verhalten Chronifizierungs-prozesse
bei Schmerzen beeinflussen, zeigt eine Untersuchung in England,
über die Priv. Doz. Dr. Michael Pfingsten von der Universitätsklinik
Göttingen berichtet: Am King´s College School of Medicine
in London haben Ärzte die Behandlungsverläufe
bei 125 Patienten aus zwei Londoner Schmerzkliniken ausführlich
untersucht, sowie ihre Krankheitsgeschichte und den Behandlungsverlauf
sorgfältig analysiert. Dabei identifizierten die Wissenschaftler
vier Problembereiche so genannter iatrogener Faktoren, also
schädigender Einflüsse, die aus dem ärztlichen
Verhalten und Nicht-Verhalten resultieren:
- Überdiagnostik
(z.B. zu spezifische Diagnostik bei unspezifischen Beschwerden)
-
Informationsmängel (z.B. zu häufiger Rat zur
körperlichen Schonung mit nach-folgender körperlicher
Dekonditionierung der Patienten)
-
Fehler bei der Medikation (z.B. zu viele Medikamente,
Kombinationsanalgetika, zu wenig Kommunikation unter
ärztlichen Kollegen, keine ausreichende Information
über Dosierung und Einnahme), und
-
ungenügende Berücksichtigung psychosozialer
Randbedingungen und psycholo-gischer Einflussfaktoren
(Bedürfnisse bei Ärzten und Patienten, die
Schmerzen ausschließlich mit körperlichen
Faktoren zu erklären).
"Derartige
Qualitätsmängel in der Versorgung", so Pfingsten,
"haben auch damit zu tun, dass zur Behandlung etlicher Schmerzsyndrome
Leitlinien immer noch fehlen oder unpräzise sind."
Wie
wichtig die Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist,
betont Dr. Paul Nilges, leitender Psychologe am DRK-Schmerzzentrum
in Mainz. "Für Erfolge und Misserfolge von Schmerzbehandlungen
spielen unspezifische oder Beziehungsfaktoren nicht selten
eine größere Rolle als spezifische Wirkmechanismen
therapeutischer Verfahren." So seien Informationen, die
Patienten erhalten, Äußerungen der Behandler
zu Schmerzursachen, zur Prognose, Hinweise auf den Umgang
mit den Beschwerden und Tipps zum Verhalten bei Rückfällen
wesentliche und oft vernachlässigte Kernpunkte der
Therapie.
Nilges:
"Während beispielsweise zu Beginn eines Schmerzproblems
beruhigende Informationen sinnvoll sind und meist positiv
bewertet werden, kann die kurze Mitteilung unauffälliger
Untersuchungsbefunde bei Patienten mit zahlreichen Voruntersuchungen
und -behandlungen als "schlechte Nachricht" gelten, Enttäuschung
und Ärger provozieren und letztlich für den Patienten
ungünstige Auswirkungen haben. Mit einem Satz wie "Ich
kann nichts finden, Sie haben nichts....." werde die Realität
der Schmerzwahrnehmung direkt in Frage gestellt. "Haben
Patienten sehr einfache Vorstellungen über Ursachen
und Entstehung chronischer Schmerzen und haben sie bereits
einige Diagnostik hinter sich, dann ist diese Form der Interaktion
entweder ein glatter Kunstfehler oder eine wenig elegant
Art, schwierige Patienten loszuwerden", kritisiert Nilges.
Je unsicherer sich Behandler fühlen, desto schwieriger
sei es wiederum, akzeptierend und freundlich auf Patienten
zu reagieren. Eine akzeptierende und freundliche Atmosphäre
wirkt sich jedoch positiv auf eine unmittelbare Schmerzreduktion
aus, wie Studien belegen.
Wenn
tatsächlich keine direkten körperlichen Ursachen
diagnostizierbar sind, müsse "der Erklärungsrahmen
erweitert werden", sagt Nilges. Denn mitunter lassen sich
Schmerzen weniger durch pathologische Einzelbefunde als
vielmehr durch gestörte Funktionen, etwa im Zusammenspiel
von Muskulatur, Gelenken und Gefäßen erklären.
Auch seelische Einflüsse müssen angesprochen werden.
Wichtig ist es auch, an einer generellen Verbesserung der
Schmerztoleranz durch angemessene Steigerung von Belastung
und Aktivität und insgesamt der körperlichen Fitness
zu arbeiten.
Nicht
nur die Diagnose, sondern auch die Prognose ist für
Patienten wichtig. "Ziel muss es sein", betont Nilges, "Entwicklungsmöglichkeiten
und Selbsthilfemaßnahmen aufzuzeigen, beispielsweise
bei Kopf- und Rückenschmerzen. Denn selbst wenn Knorpelschäden
im Knie festgestellt wurden, ist damit keine zwangsweise
Invalidität verbunden. Darum muss der Therapierahmen
erweitert werden: Schmerzen lassen sich nicht nur medikamentös
lindern. Wichtig sind auch körperliche Aktivität,
Entspannungsverfahren und physiotherapeutischen Behandlungen.
Statt auf "die endgültige und schnelle Lösung"
zu hoffen, sei ein wichtiges Ziel, mit dem Patienten zusammen
geduldig nach Möglichkeiten suchen, die Lebensqualität
trotz Schmerz zu verbessern.
Dies
erfordert von Therapeut und Patient viel Geduld und eine
gute Beziehung. Nilges: "Ob Patienten auf eine angemessene
Informationsvermittlung aufbauende, sinnvolle Behandlungsvorschläge
akzeptieren und etwa Entspannungs- und Bewegungsübungen
tatsächlich langfristig und selbständig durchgeführen,
wird von der Qualität und Tragfähigkeit der ursprünglichen
Therapiebeziehung mitbestimmt.
Wichtig
ist auch, dass Ärzte ihre Patienten für Rückfälle
wappnen. Denn Schmerzen können, selbst wenn sie zunächst
gelindert werden, wieder auftreten. Nilges: "Auch auf diese
Möglichkeit sollte der Arzt hinweisen, damit sich der
Patient darauf einstellen kann und nicht verängstigt
wird, wenn dieses geschieht."
(Pressemitteilung
Nr. 3/ 2.Oktober 2001, Deutscher Schmerzkongress 2001)
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